Refuge du Viso: eine Hütte, die ernst macht

Daß etwas gegen den Klimawandel getan werden muß (und zwar schnell) – das ist wohl mittlerweile den allermeisten klar. Aber was? Und wie konkret? Und in welchem Umfang?: Daran scheiden sich die Geister. Eine Hütte im französischen Naturpark Queyras macht da einen bemerkenswerten Versuch: Die Refuge du Viso tut konkrete und konsequente Schritte.

Die Hütte des französischen Alpenvereins, die wir am dritten Tag unserer Wandertour auf dem Giro di Viso besucht haben, schafft sich zwar damit nicht überall Freunde, wie Kommentare auf den diversen Bewertungsportalen zeigen. Aber nichtsdestotrotz: Damit macht mal jemand einen Anfang, versucht etwas – und wenn es auch nur einen Denkanstoß in Richtung der Erkenntnis bewirkt, daß es einfach nicht mehr so weitergehen kann wie bisher.

Das fängt schon bei den kleinsten Dingen an, an die man im ersten Moment gar nicht denkt: zum Beispiel, wie wichtig es ist, seinen Teller ganz aufzuessen. Weil es schlicht und einfach auch den Respekt vor denen zum Ausdruck bringt, die all die Lebensmittel auf ihrem Rücken vom Tal auf 2460 Meter hinauf zu schleppen haben. Eine Alternative für die, die Reste übrig lassen wollen, wird im Refuge du Viso auch angeboten: Anselme, dem freundlich-zurückhaltenden Wirt, als Lohn für seine Mühen den Rücken zu massieren…

Er führt die Refuge du Viso freundlich, engagiert und überzeugt: Hüttenwirt Anselme.

Wichtig ist Anselme und seinem Team auch die Regionalität: Man gehört der Organisation Echanges Paysans („Bauernaustausch“) an, die sich für kurze Lieferketten und lokale Produkte einsetzt: So kommt der Käse direkt aus dem Naturpark Queyras, Mehl und Kartoffeln aus Chateauroux und die Marmeladen sowie Gewürze, Gemüse und Fleisch auch direkt aus den Hochalpen. Überall, wo es nur irgend geht, verwendet man dabei Bio-Produkte. Und alles wird frisch zubereitet.

Gegen all das dürfte es wenige Einwände geben. Schwieriger wird es schon damit, daß das Essen nur in einem einzigen Teller serviert wird: Wo zuerst die leckere Hüttensuppe drin war, kommen nachher der Braten und die Beilagen rein. Und die schöpft man sich aus den großen Schüsseln und Platten in der Mitte der naturbelassenen Tische, auf denen kein Tischtuch liegt. Da ist dann halt auch Solidarität gefragt, damit es am Ende wirklich für alle reicht. Auf jeden Fall dient all dies dem Ziel, Abfälle auf ein Minimum zu reduzieren.

Die Refuge du Viso liegt herrlich in den französischen Naturpark Queyras eingebettet.

Aber am schwierigsten dürfte für viele der Verzicht auf die moderne Massenkommunikation sein: Es gibt kein WLAN, ja nicht einmal ein Telefonnetz für Handys – also muß man auf das nachmittäglich-abendliche Surfen im Internet verzichten. Ist auch besser so, denn auch eine Ladestation für Mobiltelefone sucht man vergeblich. Wer unbedingt seinen Handyakku aufladen will, der muß seinen körperlichen Akku in Anspruch nehmen und auf einem Fahrrad strampeln. Was auch einige tun – nicht immer zur Freude derer, die im Zimmer nebenan schlafen wollen und das Grummeln der Pedale als Hintergrundgeräusch haben.

Dafür kommt man eher bald zum Schlafen, denn um 20 Uhr wird das Licht ausgeschaltet. Wer lesen will, muß es mit der Stirnlampe tun, denn der Energieverbrauch soll auf das Minimum reduziert werden, damit es das eigene „Kraftwerk“ am Bach daneben und auf dem Dach noch schafft.

Gewöhnungsbedürftig ist auch das Frühstück: Die Marmeladen schmecken zwar wunderbar – aber außer der Tasse für Getränke oder das Müsli gibt es kein Geschirr. Und bevor neu gebacken wird, muß erst einmal das alte Brot weg. Da sind dann ab und zu die Zähne durchaus gefordert – aber was ißt man nicht alles, wenn nichts anderes da ist?!

Bei all dem verwundert nicht, daß in den Bewertungsportalen keine Top-Punktzahlen erreicht werden. Nicht zuletzt das konsequente Energiesparen, aber auch der im Vergleich zu anderen Hütten gleiche Preis bei geringerer Leistung wird da bemängelt. Letzteres mag man verstehen. Aber auf jeden Fall gibt die Refuge du Viso einen Vorgeschmack darauf, daß es nicht bei Kleinigkeiten und Oberflächlichkeiten bleiben kann, wenn man wirklich die Welt retten will. Sie ist eine Hütte, die ernst macht…

Die Refuge du Viso ist eher karg eingerichtet – aber an den hölzernen Tischen gibt es herzliche Gespräche.

Die andere Seite der Medaille: Wer aufs Handy verzichten muß, der hat plötzlich Zeit für Gemeinschaft, kommt leichter ins Gespräch mit en anderen, selbst wenn die Sprachbarriere hoch ist. Aber wenn man guten Willens ist und außer rudimentärem Französisch und Schulenglisch auch noch Hände und Füße zum Einsatz bringt, dann klappt das ganz prima.

Ich habe auf jeden Fall die Atmosphäre in dieser karg eingerichteten Hütte sehr genossen – auch wegen der vielen herzlichen Gespräche mit den französischen Bergkameraden. Vor 55 Jahren, beim Schüleraustausch, da war das nicht so leicht, da prägten immer noch die Wunden des Nationalismus und der beiden Weltkriege das Miteinander. Damals war die „deutsch-französische Freundschaft“ ein Schlagwort, eine Vision, von der ich nicht wußte, ob sie jemals Realität würde, heute begegnet man sich wirklich als Freunde. Ein Grund zur Freude, der mein Herz leicht macht. „Unsere Generation hat ganz schön was erreicht“, denke ich mir und lächle. Und das sollte man nicht gering schätzen.

Hier die einzelnen Etappen des Giro di Viso:

Giro di Viso 2021 (1): Der Start

Giro di Viso 2021 (2): Zum Rifugio Vallanta

Giro di Viso 2021 (3): Zum Refuge du Viso

Giro di Viso 2021 (4): Durch den ältesten Alpentunnel

 

Schreibe einen Kommentar