Vier Jahre ist es her, daß wir die Magna Via Francigena (MVF), den Pilgerweg von Palermo nach Agrigent, zum ersten Mal in Angriff genommen haben. Corona hatte uns gestoppt. Nun, im April 2024, wollen wir einen neuen Anlauf nehmen, doch noch zum Ziel zu kommen.

Von Santa Cristina Gela bis kurz hinter Suterea sind wir damals gekommen, bis COVID unserer Pilgerschaft ein so jähes Ende gesetzt hatte. Franco Sciaratta, der Wirt des Ristorante La Pineta in Sutera und unserer ganz persönlicher „Engel aus Sutera“, hatte uns damals gerettet und uns zu unserem hervorragenden Ford Transit Euroline zurückgebracht, wodurch wir uns in die Quarantäne auf dem Campingplatz El Bahira bei San Vito Lo Capo im Nordwesten der Insel durchschlagen konnten.

Klar, daß wir jetzt, da wir diesen Pilgerweg zu Ende gehen wollen, wieder bei ihm starten. Wir staunen wieder, welche Qualität Franco und seine Frau Andreea Andrei, die Küchenchefin, zu welchem Preis auf den Tisch bringen. Und Welch ein Vielfalt von Pizzas – und keine einzige kostet 10 Euro oder mehr! Dazu auch noch noch reichlich landestypische Gerichte zu Preisen, wie sie bei uns mittlerweile unvorstellbar günstig wären.

Also stärken wir uns nochmal richtig, bevor es dann am nächsten Morgen losgeht.

Toller Pizzabäcker und wunderbarer Mensch: Franco Sciaratta.

Franco bringt uns freundlicherweise mit seinem Auto, das schon vor vier Jahren klapprig war und mittlerweile an Klapprigkeit noch hinzugewonnen hat, von seinem Lokal hinunter zu einer Bar in Campofranco auf halber Höhe. Das Dorf sprüht nur so von dem morbiden Charme, der mich an den Orten im Hinterland der sizilianischen Küste so sehr fasziniert. Schönheit liegt auch hier im Auge des Betrachters – sicher, manche mögen diese Häuser als „heruntergekommen“ bezeichnen. Für mich sind sie indes ein Zeichen dafür, daß die Menschen hier andere Prioritäten setzen – und dies vielleicht auch müssen, denn im Industriegebiet weiter unten im Tal stoßen wir bei unserer Rückkehr mit dem Zug auf die Ruine einer einstigen Industriesalz-Fabrik, wo früher mal 700 Menschen aus der Umgebung Arbeit gefunden hatten.

Beim Frühstück in der Sport Bar in der Via Vittorio Emmanuele lerne ich, daß die traditionelle Füllung der Croissants (oder Brioche, wie man hier sagt) in diesem Dorf entweder Vanilliecreme oder Ricotta ist. Ich entscheide mich für Letzteres und werde nicht enttäuscht – das schmeckt so gut, daß ich mir gleich noch eine zweite Portion gönne.

Die Sonne scheint, wir sitzen draußen, und mein Blick fällt auf den Brunnen der Wiedergeburt (Fontana della Rinascita) auf der Piazza nebenan, der die Leistungen des arbeitenden Volkes rühmt. In meiner Jugend hätte ich darüber wohl geschmunzelt, heute bin ich froh, daß sich in diesem Zeitalter, das sich den Auswüchsen und Perversionen des Kapitalismus geradezu willenlos hinzugeben scheint, so etwas überhaupt noch findet.

Der „Brunnen der Wiedergeburt“ im Herzen von Campofranco.

Dann aber müssen wir endlich aufbrechen, denn es warten doch noch einige Stunden Wanderung auf uns. Am Ortsende von Campofranco gabelt sich der Weg: Wir entscheiden und, wie vor vier Jahren den rechten Ast zu wählen. Damals hatten wir Schwierigkeiten, den kleinen Fluss Gallo d‘Oro (Goldener Hahn) zu überwinden, und müßten hindurch waten, da es keinen Übergang gab. Jetzt aber hatte Franco aber erzählt, daß es schon ewig nicht mehr geregnet hatte – also dann muss das doch jetzt kein Problem mehr sein. Alsdenn: Aufs Neue!

Um es gleich vorweg und ohne Umschweife zu sagen: Diese Entscheidung war eindeutig FALSCH!

Allen, die es uns gleichtun wollen, sei dringend geraten: Laßt lieber die Finger (oder besser gesagt: die Füße) davon!

Nach der Idylle ist der Weg nicht mehr zu finden: die eingestürzte Römerbrücke am Gallo d‘Oro…

Nicht wegen des Bächleins, das wir in der Nähe der idyllischen eingestürzten alten Römerbrücke erneut ohne Schuhe überqueren, sondern wegen dem, das danach kommt: Vor uns weit sich ein Meer aus meterhohem Schilf, die Markierungen, die diesseits des Flusses noch deutlich sichtbar vorhanden waren, fehlen völlig, Hunderte Meter lang müssen wir durch wucherndes Schilf-Gestrüpp – und mit jedem Schritt wächst die Sehnsucht nach einer Machete.

Wir sind uns uneins, welche grobe Richtung wir einschlagen sollen, trennen uns, verlieren uns aus den Augen – und kommen dann doch gleichzeitig oben auf halber Höhe des Monte Conca, den ein Naturschutzgebiet umringt, an. Nun sind wir wieder an der Stelle, wo wir vor vier Jahren erfahren hatten, daß ein Lockdown verhängt sei und unser geplanter Vermieter uns deswegen nicht aufnehmen könne…

Daher ist uns der Weg für die nächsten Kilometer vertraut – neu für uns sind aber die bunten Schilder, die ihn immer wieder säumen. Mut machende Sprüche sind da in den verschiedensten Sprachen zu lesen. Zum Beispiel (auf Italienisch): „Du bist die Sonne auf dem Weg!“ Stimmt natürlich!

„Du bist die Sonne auf dem Weg!“

In Milena gönnen wir uns ein Päuschen im Rock Café, bewundern kurz danach den gerade neu gestalteten Dorfplatz an der Kirche und nehmen dann die zweite Hälfte unserer Tour in Angriff.

Der neu gestaltete Dorfplatz von Milena…

Immer wieder schweift der Blick zurück zum Felsen von Sutera, der für mich mittlerweile fast wie ein Gruß aus der Heimat geworden ist. Die grünen Hügel ringsum erfreuen mein Herz ebenso wie die vielen Blumen auf den Wiesen, durch die wir jetzt gehen, und so stört es mich nicht, daß wir erst noch hinunter ins Tal und dann wieder hinauf in unser heutiges Ziel Racalmuto müssen.

Google Maps hat zwar Schwierigkeiten, unser heutiges Quartier, die Affiti brevi Donna Rosa in der Via Giuccardini, zu finden, aber ein freundlicher Zeitgenosse läßt sein Auto einfach stehen und führt uns durch die engen Gassen zu Fuß dann doch sicher hin. Der Besitzer zeigt und die freundliche saubere kleine Zwei-Zimmer-Wohnung mit einem gemütlichen Bett, in dem wir prima schlafen werden, und schenkt uns dann noch eine Schachtel mit Taralli („Kringel“), der lokalen Süßigkeit mit viel Zucker und Zitrone.

Zum Abendessen sind wir dann im Bistro 73 gleich über der Straße- und erleben in der Via Garibaldi 75 die nächste tolle Überraschung. Wir ergattern nicht nur den letzten freien Tisch, sondern das Essen schmeckt auch ganz wunderbar: Christine genießt Caprese mit exzellenten Tomaten und die Panelle, die typisch-sizialianischen panierten Kichererbsen-Flädle, und ich schwärme von den Strozzapreti in Safran-Käse-Soße.

Herrliche Strozzapreti in Safran-Käse-Sauce..

Gekocht hat all dies Giusi, die Wirtin und ausgezeichnete Köchin, die in Oberndorf am Neckar geboren wurde und dort ihre ersten drei Lebensjahre verbrachte. Eine halbe Schwäbin also. Da muß natürlich ein gemeinsames Foto einfach sein.

Zwei Meister – mit dem Kochlöffel die eine, mit dem Federkiel der andere: Giusi und Jürgen…

Und eine intensive Restaurant-Empfehlung sowieso.

Infos:

Gegangen am 20. April 2024

Länge: 17 km

Dauer: 5 Stunden reine Gehzeit

Höhenunterschiede: 680 Meter bergauf, 540 Meter bergab

Und hier der Link zur Originalseite der Magna Via Francigena (mit GPX-Datei): https://www.viefrancigenedisicilia.it/tappa.php?idV=1&id=7