Corona nervt – das ist klar. Aber ebenso gewiss ist: Bewegung an der frischen Luft tut gut. Und in nicht allzu ferner Zukunst wird man ja auch wieder in Europa ohne Einschränkungen reisen (und damit auch wandern) können. Eine ideale „Einlauftour“ im Frühling und nach längerer Wanderpause ist der Starkenberger Panoramaweg in Tirol. Hier meine Eindrücke von der ersten Etappe aus meiner Serie in der OBERLÄNDER RUNDSCHAU.

Passionierte Wanderer benötigen für die ganze Strecke natürlich weit weniger als die „offiziell“ angegebenen sieben Tages-Etappen. Aber auf diesem Weg geht es ohnehin nicht ums „Tempobolzen“. Sondern um das Erlebnis: Viel eindrucksvoller ist es nämlich, sich in die vielen Kultur- und Naturschönheiten zu vertiefen, die da im Tiroler Oberland auf einen warten. Und die haben beileibe nicht nur mit den alten Rittersleut‘ zu tun.

Los geht’s am Fernpass. Wobei es angesichts der schlechten Parkmöglichkeiten dort am besten ist, wenn man mit dem Bus anreist. Positiver Nebeneffekt: Man macht dadurch die Verkehrslawine nicht noch größer.

Jetzt geht’s los: der Startpunkt am Fernpass.

EIN HAUCH VON KANADA. Wie dem auch sei: Die meisten dürfte es überraschen, welch herrliche Natur da auf einen wartet (auch wenn der Transit-Lärm sich natürlich nicht komplett ausblenden lässt). Gleich zu Beginn kann man zum Beispiel durch den größten Bestand der Spirke von ganz Österreich spazieren. Dieser deutsche Name von Pinus mugo uncinata dürfte nicht allzu vielen bekannt sein. Viel besser kann man sich unter der „aufrecht wachsenden Latsche“ etwas vorstellen. Und die kommt in Österreich nur in Tirol und Vorarlberg vor. Der Mensch profitiert übrigens nicht nur durch ihren urwüchsigen Anblick von ihr: Sie hält auch instabile Felshänge fest und erfüllt dadurch eine ganz wichtige Schutzfunktion.

Überhaupt: Blickt man auf die erhabenen Berge mit ihren schroffen Felswänden, die mächtigen Bäume und den munter dahinfließenden Gurglbach, so hat man schon auf den ersten Kilometern den Eindruck, als sei man in Kanada.

Romantik am Gurglbach.

Entstanden ist diese herrliche Szenerie indes durch eine Katastrophe: Vor 4100 Jahren (also in der Frühbronzezeit) stürzte rund eine Milliarde Kubikmeter Fels vom Kreuzjoch, 15 Kilometer nördlich und südlich kann man heute noch dieses Gestein finden, das der Loisach ihren ursprünglichen Weg zum Inn versperrte und sie ins heute Bayerische umleitete. Auch Blind-, Fernstein-, Mitter- und Weißensee wurden dadurch geboren. Was heute so anmutig erscheint, hat seinen Ursprung mithin in einem Unheil, das sich in grauer Vorzeit in einer der für Erdbeben anfälligsten Gegenden Mitteleuropas ereignete.

VON DER OSTSEE NACH OBERITALIEN. Und dennoch wollten die Menschen seit eh und je dieses Hindernis, das die Natur dort aufgeschüttet hatte, überwinden. Bernstein soll schon darüber transportiert worden sein, als sich von den Römern noch keine Rede war. Die Archäologen haben Spuren gefunden, die beweisen, dass Waren zwischen der Ostsee, Oberitalien, ja sogar Griechenland über diese Pfade transportiert wurden.

Die Römer freilich sorgten für Perfektion. General Drusus der Ältere, ein Adoptivsohn von Kaiser Augustus, machte sich 15 vor Christus daran, die Pfade der Kelten, Räter und Etrusker für eines der wichtigsten Infrastrukturprojekte dieser Zeit umzuwandeln und auszubauen. Damit fertig war man indes erst 60 Jahre später – als Drusus‘ Sohn Claudius die Kaiserwürde innehatte. Daher hieß diese bedeutende Straße denn auch Via Claudia Augusta. Keine andere Trasse aus dieser Zeit in den Zentralalpen ist auch heute noch unter ihrem ursprünglichen Namen bekannt. Schon allein daraus lässt sich die Bedeutung der Fernpassroute bereits in der Antike ablesen.

IN ALTEN RÖMERSPUREN. Das Konzept der Römer hat übrigens den Westen Tirols bis heute nachhaltig geprägt. Nicht nur wegen des Verlaufs. Sondern auch durch das System der Siedlungen wie „Humiste“, wie Imst damals hieß, (eine nach jeder Tagesreise) und Raststationen (nach 8 Meilen jeweils eine). Letztere waren quasi „Keimzellen“ für Orte wie Dormitz, Biberwier und Bichlbach, die Jahrhunderte später an diesen verkehrstechnisch wichtigen Punkten entstanden.

Hier waren schon die alten Römer unterwegs.

Ein ganz besonderes Erlebnis ist es, buchstäblich in den Spuren der alten Römer zu wandeln. Zwischen Fernpass und Fernstein haben sich die Räder der  unzähligen Wägen, die einst über diese Straße rollten, in den Fels eingeschliffen. Zuweilen kursiert ja das Gerücht, die Spurbreite der modernen Eisenbahnen gehe auf die römischen Karren zurück, die auch über die Via Claudia rumpelten. Klingt prima, stimmt aber nicht: Es gab nämlich keine einheitliche Breite, man bewegte sich in der Regel so um die einhalb Meter. Für so etwas wie eine Normbreite bestand ja keinerlei Notwendigkeit.

DER „FAHRBERG“. Gefahren wurde indes schon seit uralter Zeit auf dieser Route. Denn sie besaß und besitzt schließlich drei große Pluspunkte: Der Winter macht ihr weniger zu schaffen als anderen Verbindungen, Hochwassergefahr besteht auch so gut wie nicht – und auch die Steigung ist relativ moderat.

Und so hieß der Pass in einer vom letzten Stauferherrscher Konradin 1263 (im Alter von elf Jahren) unterzeichneten Urkunde denn auch „Mons Vern“. Wissenschaftler vermuten, dass der Name vom mittelhochdeutschen Wort für die verschiedensten Fortbewegungsarten stammt, also quasi „Fahrberg“ bedeute.

Ob dem so ist, steht nicht hundertprozentig fest. Aber sicher ist eins: Heute stimmt der Name ganz bestimmt.

Auch Transitlawine ist übrigens keine Erfindung des Automobilzeitalters. Schon mittelalterliche Quellen berichten über Beschwerden der Gemeinde Imst darüber, dass die Handelsleute „halbe Tage“ lang an der Zollstelle an der Burg Fernstein warten mussten, bis es endlich weiterging. Das war im Jahre 1312!

Herzog Sigmund ordnete 1451 einen Ausbau der Burganlage im großen Stil an. Ihm ist also das jetzige prächtige Aussehen zu verdanken, das die Wanderer fasziniert. Ganz oben thront der einstige Wohnturm, der nun indes nur noch die Romantik einer Ruine ausstrahlt. Von ihm aus wurde nach Sigmunds Anweisung eine Sperrmauer hinab zum See (der heute ein Paradies für Taucher ist) gebaut. Das Material (Bruchsteine und Ziegeldurchschuss) war indes nicht das beste, so dass sie rechtschaffen marode wirkt. Aber oberhalb des Klausengebäudes ist sie immerhin noch 4 Meter hoch.

Heute noch ist es beeindruckend, durch die Durchfahrt zu wandern, die nach der Verlegung der Zollstraße vom Talgrund hier herauf zum „Zwangspunkt“ für alle wurde, die über den „Vera“ wollten. Aus dieser Zeit stammt auch die mächtige Steinbrücke über den Klausenbach, die natürlich auch in den Panoramaweg integriert wurde.

Man sollte allerdings nicht einfach darüber hasten, sondern sich ruhig einmal Zeit zum Rasten und Schauen nehmen. Denn die Hälfte der ersten Etappe hat man just dort schon absolviert. Und so zieht zum Beispiel das Niederhaus die Blicke auf sich, das den alten Rittersleut‘ als Harnischkammer (also Depot für ihre Rüstungen und Waffen) diente. Aber es gab auch eine „Herzogskammer“ mit allerlei „Dekos“ (wie man heute sagen würde): Hirschgeweihe, Zinnschüsseln, Becher und Leuchter fanden sich da zum Beispiel.

14 NOTHELFER AM WEGESRAND. Auch dem kleinen Kirchlein dort, das im Gegensatz zu seinem Pendant auf der heutigen Passhöhe erfreulicherweise in der Regel geöffnet ist, sollte man unbedingt einen Besuch abstatten. Beide sind den 14 Nothelfern gewidmet, was eine Ahnung davon verschafft, dass Reisen in jenen Zeiten keine ungefährliche Sache war. Und so nutzten viele sichern gern die Gelegenheit, Achatius und Ägidius, Barbara und Blasius, Christophorus uns Cyriacus, Dionysius und Erasmus, Eustachius und Georg, Katharina und Margareta, Pantaleon und Vitus anzurufen.

Beeindruckend: die Madonna in der Nothelferkapelle bei der Burg Fernstein.

Und so begegnen einem in der Kapelle aus dem Jahre 1428 auch jede Menge Engel (viele mit Musikinstrumenten) und natürlich auch die Heilige Jungfrau Maria. Zu der dürften im Laufe der Jahrhunderte unzählige Rosenkränze gebetet worden sein.

So gestärkt (leiblich und/oder spirituell) kann man frohen Mutes den Rest der ersten Etappe unter die Füße nehmen. Wer noch fit ist (und allzu anstrengend ist dieses erste Teilstück ja nun wahrlich nicht), kann dann kurz vor Nassereith noch auf der Forstmeile (einem Trimm-Dich-Pfad) sein Talent beim Balancieren oder anderen Übungen erproben.

Kurz vor Nassereith kann man seine Fitness erproben.

Kurz vor dem Ziel dieses Teilstücks wartet dann im Dorf sogar noch eine Inspiration in philosophischer Weisheit auf einen: „Kehr recht fleißig vor Deiner Tür, hast nit mehr zu kehren, so komm zu mir!“, steht da an der Wand eines Bauernhofs. Guter Rat ist da nicht teuer. Sondern völlig gratis.

Guter Rat in Nassereith.

Wer nicht zurückkehren will, sondern den Starkenberger Panoramaweg durchwandern möchte, kann auch in Nassereith übernachten – zum Beispiel in der „Post“.

Einst Posthalterei, jetzt Hotel: die „Post“ in Nassereith.

Die erste Etappe

Start: Fernpass

Ziel: Postplatz Nassereith
Länge: 9,5 Kilometer
Wanderzeit: etwa 2,5 Stunden

Höhenunterschied: 150 Meter bergauf, 520 Meter bergab
Anschluss an den Nahverkehr: Fernpass; Postplatz Nassereith

Einkehrmöglichkeiten: Fernpass; Fernstein; Nassereith

Infos zum Weg: https://starkenberger-panoramaweg.at/de/der-weg

Infos zur Region: www.imst.at