GTA-Revival 2021 (1): Rifugio Pian della Regina – Rifugio Barbara Lowrie

Winter ist’s, auf dem Mühler Feld in Reutte in Tirol türmt sich vor meinen Augen der Schnee. Keine Zeit, um ans Wandern zu denken? Im Gegenteil. Ich finde, gerade jetzt, wenn sich die Natur zurückzieht, hat man Zeit für schöne Erinnerungen – und auch dafür, neue Touren zu planen. Vielleicht kann Euch auch diese Wanderung eine Inspiration sein. Sie lohnt sich auf jeden Fall.

Von unserer Umrundung des Mon Viso, der „heiligen Bergs“ Piemonts habe ich Euch ja auf diesem Blog schon ausführlich erzählt. Aber damit war unser Wanderurlaub im Juli 2021 noch lange nicht zu Ende. Wir wollten noch mal die Erinnerung an unsere Tour auf der Grande Traversata delle Alpi vor rund einem Jahrzehnt auffrischen – und schauen, ob sich was verändert hat. Los ging es am Tag, nachdem sich Italien im Elfmeterschießen gegen England endlich mal wieder zu Fußball-Europameister gekürt hatte – also am Montag, 12. Juli 2021:

Am Frühstück machen wir wieder eine europäische Erfahrung: Neben uns im Rifugio Pian della Regina sitzt ein netter Pole aus Allenstein (Olsztyn) in den Masuren, wir schwärmen gemeinsam von den schönen Städten in seinem Heimatland und hätten noch endlos weitermachen können, wenn wir uns nicht alle auf den Weg machen müßten. Wir kommen eh erst spät weg – um 10! Aber das stört mich nicht sehr, denn allzulang ist unsere heutige Etappe nicht.

Die freundliche Wirtin wollte uns überreden, die erste Strecke auf der Straße zu gehen, weil die Weg zu steil sei mit Gepäck. Wir unterscheiden uns aber doch für den schmalen Pfad – und schaffen das erstaunlich locker. Anscheinend waren die vier Tage auf dem Giro del Viso wohl doch ein gutes Training.

Der Blick zurück auf ein tolles Quartier:Von der Pia della Regina geht’s hinauf in Richtung Passhöhe.

Ab heute wandern wir gewissermaßen auf unseren eigenen Spuren – wenn wir sind auf die Grande Traversata delle Alpi (GTA) gewechselt. Auf derselben Etappe waren wir schon vor neun Jahren unterwegs – während unseres Mehrjahresprojekts, bei dem wir es letztlich nicht nur durch Piemont, sondern am Ende durch die ganzen Alpen geschafft haben.

Die kaum erkennbaren Wiesenpfade und die schlechten Markierungen lassen darauf schließen, daß wir uns auf einem eher selten begangenen Abschnitt dieses herrlichen Fernwanderweges bewegen. Entgegen der Prophezeiung der Wirtin, daß es noch für ein paar Stunden beim schönen Wetter bleiben werde, zieht schon bald der Nebel immer tiefer herunter, aber das stört uns nicht groß – die herrlichen Blumen haben wir ja immer direkt vor uns.

Die Blumen trotzen dem schlechten Wetter.

Und ich sehe mit zunehmender Steigung sogar einen Vorteil: Die Passhöhe am Colle della Gianna, zu der wir immerhin rund 800 Meter hinauf müssen, ist nicht zu sehen. Und ich bin daher gegen den Frust gefeit, wenn es mir nicht schnell genug geht. Einmal verlaufe ich mich zwar kurz, aber mit Hilfe von „Alpenverein aktiv“ finde ich schnell wieder zum Ausgangspunkt zurück. Früher als erwartet sind wir dann tatsächlich auf dem Höhepunkt unserer heutigen Tour, der allerdings nur an einem Steinhaufen vor dem Wegweiserschild zu erkennen ist.

Auf dem Colle della Gianna geht’s durch die Nebelsuppe.

Die Sicht wird jenseits des Passes auch nicht besser, und hier kommt mir spontan Hermann Hesses Gedicht in den Sinn: „Seltsam, im Nebel zu wandern,einsam ist jeder Busch und Stein. Keiner sieht den andern, und jeder ist allein.“ In den 20er-Jahren meines Lebens hat mich das geängstigt aber merkwürdig: Heute schenkt es mir Seelenfrieden. Manchmal ist man ja auch gern allein, will niemand anderen und nichts anderes sehen. Und irgendwann ist der Nebel ja auch wieder weg.

Seltsam, im Nebel zu wandern…

Bei unserer Wanderung heute freilich erstmal nicht. Aber wir spüren: Wandern im Nebel kann auch etwas Wunderbares, ja fast Mystisches sein. Die Lärchen, die sich zunächst verbergen, dann schemenhaft abzeichnen, um dann ihr Grün vor grauem Hintergrund förmlich erstrahlen zu lassen, die Bächlein, die man meist nur hört, aber nicht sieht, die Blumen, die mit ihren kräftigen Farben das Grau-in-Grau durchbrechen, die Felsen, die sich gerade darin perfekt tarnen – all das hat schon seinen Reiz.

Er fühlt sich im Nebel wohl: der Alpensalamander.

Und kurz vor dem Ziel traue ich meinen Augen nicht: Vor mir steht tatsächlich der Mon Viso – im Miniatur-Format. So kommt mir zumindest dieser Felsbrocken inmitten einer grünen Wiese vor.

Das ist er ja – mein kleiner Mon Viso!

Schneller als sonst üblich haben wir dann die Grange de Pis, die Almwiese vor dem Rifugio Barbara Lowrie, erreicht. Hier waren wir zwar schon mal – aber heute kommt sie mir ganz besonders schön vor. Die Kuhglocken sind wieder Musik in meinen Ohren, und schwungvoll erreichen wir die Hütte, mit der sich so wundervolle Erinnerungen verbinden.

Unser Begrüßungskommando auf der Grange de Pis.

Aber heuer wird es noch getoppt: Der junge Mann an der Theke heißt uns freundlich Willkommen, Simona, die ich für die Wirtin Cinzia halte, ist von Begeisterung für Arco, unseren Hund, entflammt und will ihm und uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich machen.

Nur noch ein paar Schritte durch den Regen zum Rifugio Barbara Lowrie.

Und das Abendessen ist einfach ein Traum: ein Vorspeisenteller mit allen Schikanen (Salami, Vitello tonnato, Frittata, Focaccia), dann ein köstliches Pilz-Risotto, dann Hähnchen-Stücke mit Mangold und schließlich Panna Cotta mit Waldbeeren für Christine und Semifreddo für mich. Das macht seinem Namen zwar keine Ehre, weil es nicht halb, sondern ziemlich ganz gefroren ist – schmecken tut es nach gegenseitiger Aufwärmphase allerdings ganz prima. Dazu ein Weißwein aus Piemont – Herz, was begehrst Du mehr?!

Ein herrlicher Vorspeisenteller…

…danach ein leckeres Pilzrisotto.

Auch der köstliche Mangold schmeckt …

… ebenso wie als Dessert eine Panna cotta mit Waldbeeren…

… sowie ein köstliches Semifreddo.

Und ich beschließe vor dem Gang ins Matratzenlager, in dem wir dann erstaunlich gut schlafen: Barbara Lowrie gehört zu meinen absoluten Lieblingshütten.

Fröhlich und herzlich: das Team des Rifugio Barbara Lowrie.

Statistik

Länge: 8,5 km
Dauer: etwa 4Stunden
Höhenunterschiede: 835 Meter bergauf / 800 Meter bergab
höchster Punkt: 2534 Meter
tiefster Punkt: 1729 Meter

 

 

 

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