Corona-Gedanken: Die Sache mit dem Bart

„Und der Bart wird immer länger. Immer länger wird der Bart“: So haben wir als Schüler eine deutsche Version des russischen Volkslieds „Stenka Rasin“ gesungen. Damals hatte ich freilich eher einen Flaum. Nun aber ist aus dem Song der Pubertierenden Wirklichkeit geworden.

Diese Geschichte heute ist auch ein Lehrbeispiel dafür, daß man im Leben die Dinge eben nicht auf die lange Bank schieben sollte.

Schon in den letzten Tagen vor unserer Abreise ging mir daheim in Reutte im schönen Außerfern durch den Kopf: „Eigentlich solltest Du Dir mal wieder den  Bart scheren lassen!“

Naja, das mach ich dann doch lieber in Italien – dem Land der Barbiere, wo sie das noch wirklich können.

In Palermo angekommen, reihte sich quasi ein Barbier an den anderen. Aber auch eine Attraktion an die andere. „Macht nix“, dachte ich mir: „Dann gehst Du eben während der Pilgerwanderung zum Parucchiere. Da drinnen im Land. Da ist es in den Dörfern ohnehin billiger.“

Auch auf einer Pilgerwanderung wächst der Bart – hier im Naturpark Monte Carcaci zwischen Prizzi und Castronovo di Sicilia. (Foto: Christine Schneider)

Die Etappen der Magna Via Francigena waren wunderschön. Und sehr lang. Beides kostete Zeit. Und beides hat dazu geführt, daß wir erst spät in unseren Quartieren ankamen. Erschöpft. Gerade noch fähig, in die Trattoria zum Abendessen zu gehen. Nix mehr mit Barbiere.

Dann kam unser Zwangs-Stopp wegen des neuen Dekrets der italienischen Regierung. Jetzt klappt es sicher! Doch die Fahrt von Santa Cristina Gela hinunter zum Meer nach San Vito Lo Capo war einfach zu schön. Unter anderem sahen wir ziemlich große weiße Watt-Vögel, die auf dem Rücken von Schafen saßen und die Tiere von den Würmern, die sich ihrem Fell verkrochen hatten, befreiten.

Tolle Symbiose: Wenn weiße (Watt-)Vögel auf Schafen reiten… (Foto: Christine Schneider).

Auch der Blick auf die romantische Bucht von Castellammare Del Golfo mit ihren Segelbooten, angesichts dessen man den Eindruck hatte, Rudi Schuricke müßte jeden Moment um die Ecke kommen und die „Caprifischer“ singen, zog uns magisch an.

Wo bleibt Rudi Schuricke?: Der Blick auf Castellammare Del Golfo.

Jetzt aber schnell zum Check-in am Camping El Bahira, es ist schon spät – wieder nix mit Barbiere. Aber morgen ganz bestimmt!

Es hätte mit absoluter Sicherheit geklappt… – ja,wenn nicht Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte  just in  dieser Nacht die Sicherheitsvorschriften  verschärft hätte.

Wie sagte schon Peer Steinbrück von der SPD? „Hätte, hätte – Fahrradkette!“

Und der Bart wird immer länger. Immer länger wird der Bart.

In anderer Hinsicht denke ich mir: der Bart ist ab. Der Bart der Freiheit, die ich im Grunde mein ganzes Leben nicht nur gespürt, sondern auch genossen habe.

“Ausgangssperre“ – das war für mich ein Wort aus der weit, weit entfernten Welt der Diktaturen.

Jetzt spüren wir, was das bedeutet. Wobei ich hier auf einem Top-Campingplatz an der sizilianischen Meeresküste sicher die mildeste Form davon durchleben muss. Wie schon im vorigen Blog gesagt:  Es gibt wahrlich Schlimmeres!

In El Bahira: eine milde Form der Ausgangssperre (Foto: Christine Schneidet)

Aber vielleicht tut uns diese Zwangspause ja ganz gut. Vielleicht hatte für viele, ja alllzu viele auch die Freiheit einen Bart. Man kümmerte  sich nicht groß drum, war ja nicht wichtig, hatte ja Zeit bis morgen.

Jetzt aber sehen wir, wie bedroht sie sein kann. Von einem Tag auf den andern. Von einem Moment auf den anderen. Nicht nur durch Corona, das uns lehrt: Nehmt das, was ihr habt, nicht als selbstverständlich, seid dankbar, schätzt es wert! Seid Euch bewusst, was auf dem Spiel steht!

Auch jenseits von Corona.

Apropos: Das ist das Original von „Stenka Rasin“. Aus Russland. Auch dort geht Raum die Freiheit. Und nicht nur ein paar Wochen lang.

https://youtu.be/Id8oaVT-jBs

 

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