Via Transalpina (3): Rifugio Pordenone – Forni di Sopra

Der gestrige Abend hatte auch eine Hiobsbotschaft bereit: Das Rifugio Flabian-Pacherini, wo wir eigentlich die nächste Nacht verbringen wollten, ist voll. Das heißt: mindestens zwei Stunden mehr für uns.

Und auf der exzellenten App zur Via Transalpina ist die heutige Tour schon in der kürzeren Form mit „schwierig“ klassifiziert.

Über sanfte Wiesen ging es los.

Aber was soll’s?! Eine Alternative haben wir eh nicht. Alsdann: Los geht´s! Auch heute nach meinem Geschmack. Vom Rifugio Pordenone aus erst sanft dahin durch ein einsames grünes Tal, dann hinein in den Bergwald, wo wir leider an einer verunglückten Gams vorbei müssen, über die sich bereits die Würmer und Fliegen hermachen.

Aber irgendwie geht es fast von selbst, der Fersensporn plagt mich im Kriegs-Tal (Val di Guerra) bergauf bei weitem nicht so wie ich befürchtete, und als uns zwei nette junge Holländer auf der Karte zeigen, über welche Scharte wir heute müssen, wundere ich mich selbst, wie mühelos das heute geht.

Friulaner Dolomiten

Der Blick zurück aufs „Kriegstal“ – das Val di Guerra.

Was heißt hier schwer? Da stört es mich nicht einmal, dass ich auf dem vermeintlichen Grat feststellen muß, daß ich noch gar nicht oben bin, sondern nochmal 150 Höhenmeter vor uns liegen. Packen wir´s einfach an! Das schaffen wir schon!
Uns es lohnt sich wahrlich. Denn droben auf dem Passo della Mus wartet auf 2060 Metern ein Wunder auf uns: Eine ganze Steinbock-Familie heißt uns willkommen. Und ein Bildjournalisten-Kollege, dessen Spezialgebiet eigentlich der Motorsport ist, der aber auch eine super Facebook-Seite über die Natur hier hat: Dolomiticamente heißt sie und ist sehr zu empfehlen.
Im Sommer verbringt Giorgio De Negri, wie der freundliche junge Mann heißt, jede freie Minute in den Friulaner Dolomiten und kommt von seinem Wohnort Vittorio Veneto hier hoch, um zu wandern und zu fotografieren.

Und heute hat er wie ich einfach fantastische Motive vor der Linse: Das Steinbock-Weibchen ist zwar sehr nervös und stapft immer mal wieder warnend auf, aber der männliche Nachwuchs nutzt die Situation für ein paar Kampfsport-Übungen. Eines Tages wird Ernst daraus werden.
Die Szenerie beherrscht allerdings der 14-jährige alte Bock. Den kann nichts erschüttern, nicht mal das anfängliche Gebell Arcos (danach beobachtet auch er ganz still das Geschehen). Er ist sich seiner Kraft bewusst, steht und setzt sich direkt vor uns. Ich rede mit ihm und habe das Gefühl, als kommuniziere er auch mit mir.

Beeindruckender Anblick: ein 14 Jahre alter Steinbock.

Auf jeden Fall liegt eine Aura himmlischen Friedens über dieser Viertelstunde (oder war es gar mehr?/ich habe nicht auf die Uhr geschaut). Auch Giorgio sagt mir, daß es etwas ganz Besonderes ist, einen solch alten Bock so nahe zu sehen.

Immer wieder schießt es mir durch den Kopf, daß es nicht verwunderlich ist, daß diese grandiosen Tiere im 19. Jahrhundert fast ausgerottet waren. Die Waidmänner und Wilderer hatten es ja superleicht, wenn sich die späteren Trophäen quasi einfach direkt vor ihre Flinte legten. So also kann Vertrauen mißbraucht werden. Kein Ruhmesblatt für die Menschen.

Aber nun ist auch klar: Der Tag ist gerettet, nun kann uns nichts mehr erschüttern. Weder ein supersteiler Abstieg noch das Geröll darin und dahinter noch das fehlende Nachtquartier.

Der nette Wirt des Rifugio Flabian-Pacherini organisiert uns noch ein Zimmer im Hotel Davost in Forni di Sopra, das zwar in die Jahre gekommen ist, aber doch seinen Charme hat.

Friulaner Dolomiten

Der Wirt des Rifugio Flaiban-Pacherini war sehr hilfsbereit: Nachtquartier gerettet!

 

Friulaner Dolomiten

Noch eine kurze Rast, bevor es weitergeht.

Der Abstieg dauert zwar noch rund zwei Stunden. Aber das ficht uns nicht groß an. Wir wissen ja, dass wir gewiss einen Platz zum Schlafen haben, nehmen ein kleines Häuschen, das an eine Eremitenklause erinnert, als Zeichen, daß die Zivilisation naht, informieren uns noch an einer hervorragend gestalteten Tafel über die Natur im Val di Suola, das nun hinter uns liegt, und erreichen dann etwas spät, aber sicher unser Domizil.

Friulaner Dolomiten

„Die Natur gibt Dir Lebensfreude – achte und schütze sie“, hat Piero (so der Name an der Tür) an die Wand seiner „Eremitenklause“ geschrieben.

 

Friulaner Dolomiten

Das Val di Suola beherbergt viele schöne und seltene Tiere und Pflanzen.

Wir genießen das Abendessen: Frico, das friulanische Nationalgericht – Kartoffel zermanscht mit fantastischem Käse und dann in der Pfanne mit weiteren Ingredienzen verfeinert und angebraten (Christine wählt Pilze, ich Apfel und Nüsse) und entscheiden uns, einen Ruhetag hier am jungen Tagliamento einzulegen. Der Fersensporn braucht mal Entspannung. Und die Wadenmuskulatur wohl auch.

Friulaner Dolomiten

Endlich am Ziel: das Hotel Davost.

Hier der Komoot-Link zur Tour: https://www.komoot.de/tour/39073109

Informationen zur Region findet man hier: Friaul, Friulaner Dolomiten, Forni di Sopra

Gegangen am 17. Juli 2018

Geschrieben am 19. Juli 2018

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