Ein wunderschönes Erlebnis verlangt einen gebührenden Ausklang. Das ist auch im Radelparadies Altmühltal nicht anders. Und daher sollte man sich nach der letzten Etappe nicht sofort auf den Heimweg machen, sondern in aller Ruhe noch auf die Spur der Schönheiten in und um Kelheim begeben.
Heutzutage ist das Städtchen in erster Linie als touristisches Ziel bekannt. Im Mittelalter war es indes ein ganz wichtiges Zentrum der Macht. Noch vor der heutigen Bayern-Metropole München. Kelheim fungierte quasi als erste Hauptstadt Bayerns der Wittelsbacher. Und das kam so:
Ende des 12. Jahrhunderts hatte der Staufer-Kaiser Friedrich Barbarossa das aus der Nähe von Aichach stammende oberbayerische Adelsgeschlecht der Wittelsbacher mit dem Herzogtum Bayern belehnt. Doch deren Stammsitz lag in dem doch recht großen Herrschaftsgebiet (auch buchstäblich) zu weit vom Schuss. Und so übten sie ihre Regentschaft von Kelheim aus aus, das strategisch sehr günstig lag: Von hier aus konnte man sowohl eine bedeutende Wasserstraße als auch wichtige Handelswege kontrollieren.
Über Kelheim wurde zum Beispiel Salz („das weiße Gold“) aus dem Alpenraum entweder in den Osten (über die Donau) oder gen Norden (auf dem Landwege) transportiert. Aber dabei blieb es nicht: Wer hier die Macht ausübte, vermochte den gesamten Warenfluss zwischen dem Süden (Italien inclusive) und dem Norden zu beherrschen. Und das hieß nicht zuletzt: Zoll kassieren. Dafür besaß man auch eine tolle Infrastruktur: eine der wenigen befestigten Donaubrücken weit und breit: Wer sie benutzte und durchs Stadttor rollte, musste erst einmal kräftig zahlen…

Ideal zum Zollkassieren: Kelheims Stadttore (hier das Altmühltor).
Doch Kelheim Hauptstadt-Aera sollte jäh enden: Im September 1231 meuchelte ein (mutmaßlich geistig verwirrter) Attentäter auf einer Brücke über die „Kleine Donau“ (einem Seitenarm der Donau) in der Nähe der Ottokapelle nieder. Danach wurde dem Herrschergeschlecht der Kelheimer Boden zu heiß: Man verlegte den Herrschaftssitz zuerst nach Landshut und später nach München….
In die reiche Geschichte Kelheims kann man im Herzogskasten eintauchen. In dem mächtigen Backsteinbau mit gewaltigem Steildach und mehreren Lagerebenen wurde eines der bedeutendsten Archäologischen Museen Bayerns untergebracht. Funde aus der Zeit der Neandertaler werden dort ebenso präsentiert wie prachtvolle Grabbeigaben und Werkzeuge aus der Bronze-Aera und Zeugnisse der riesigen Keltenstadt Alkimoennis (wie Schmuck, Waffen und Keramik), die einem im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen führen, dass diese Gegend schon in vorchristlicher Zeit ein wichtiger Handelsplatz war. Und natürlich darf auch der mittelalterliche Mord am Herzog nicht fehlen.

Vom Getreidespeicher zum herausragenden Museum: der Herzogskasten.
Treue zum Wittelsbacher Erbe und ein monumentaler Prachtbau
Die Verlegung des Regierungssitzes bedeutet übrigens nicht, dass das Herrscherhaus Kelheim radikal den Rücken gekehrt hätte. Kelheim besaß weiter wichtige Privilegien, in Krisenzeiten zog sich die Herzogs- (und später Kurfürsten-)familie in die starken Mauern der Festung zurück. Und den (wörtlich zu nehmen) Höhepunkt schuf dann Bayerns zweiter König Ludwig I., der sich seinem Herzogs-Vorfahren gleichen Namens eng verbunden fühlte. Er sah Kelheim als „Wiege der Wittelsbacher“ und ließ auf dem Michelsberg hoch über der Stadt sein größtes Denkmalprojekt verwirklichen, das die damals größten bayerischen Architekten konzipierten. Was Friedrich Gärtner mit dem „germanisch-burgartigen“ Sockel) begann, vollendete Leo von Klenze im mediterran-antiken Stil: die Befreiungshalle.

Erhaben (und erhebend): die Befreiungshalle hoch über Kelheim.
Nichts ist an und in diesem monumentalen Bauwerk ohne Symbolik, nichts ohne Botschaft: So ließ der König bei den 18 Frauenfiguren, die die deutschen Volksstämme repräsentieren, deren Truppen 50 Jahre vor Fertigstellung der Halle 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig Napoleon niedergerungen hatten, Bayern und Österreich nebeneinander platzieren. Ludwig war zwar ein Befürworter der deutschen Einheit, wollte die indes durch die (durch den katholischen Glauben verbundene) Donau-Achse dominiert sehen – allen Streitereien zuvor (und danach) zum Trotz…

Nicht immer war (und ist) es so: Bayern und Österreich Seit an Seit.
Das Innere wurde gewissermaßen als „Dom des Patriotismus“ gestaltet. Die Kuppel, die eine Höhe von 45 Metern erreicht, empfand der Monarch wie das Himmelsgewölbe, das schützend über den vereinten deutschen Stämmen stehe. 34 Siegesgöttinnen aus weißem Carrara-Marmor reichen sich am Rande der Kuppel die Hände. Schließlich sollte ja der „deutsche Fleckerlteppich“ überwunden werden. Die 17 vergoldeten Schilde zwischen ihnen hatte man aus der Bronze eingeschmolzener erbeuteter französischer Kanonen gießen lassen. Und in der Mitte des Fußbodens ließ Ludwig seine zentrale Botschaft an die Nachkommenden verewigen: „Möchten die Deutschen nie vergessen, was den Befreiungskampf notwendig machte und wodurch sie gesiegt.“

Ein „Dom des Patriotismus“ mit einer riesigen Kuppel…

…Erinnerungen an Feldherren…

… und einer zentralen Botschaft.
Und da ein bißchen Training ja nicht schadet, sollte man die 165 Stufen vom inneren Rundgang hinauf zur Aussichtsplattform nicht scheuen. Von dort bieten sich nämlich tolle Ausblicke – sei es auf Kelheims Altstadt, die Mündung der Altmühl, den Hienheimer Forst (eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Bayerns) oder den spektakulären Donaudurchbruch.
Durch den idyllischen Hienheimer Forst zum Weltenburger „Flüssigen Gold“
Wenn man schon mal in Bewegung ist, tut die kleine einstündige Wanderung durch den idyllischen Wald und hinunter zur Donau so richtig gut. Zumal an deren Ende auch ein nettes Erlebnis wartet: die Überfahrt mit den traditionellen Holzzillen (flache Boote, die mit Staken gesteuert werden)zu einem Unesco-Weltkulturerbe: Kloster Weltenburg.

Uriges Donau-Vergnügen: eine Fahrt mit der Holz-Zille hinüber zum Kloster Weltenburg.
Und da dieser touristische Hotspot ja spirituelle Wurzeln hat, wäre es ein Frevel, den Besuch des Herzstücks der Anlage auszulassen: die von den Brüdern Cosmas Damian und Egid Quirin Asam in aller barocken Pracht geschaffene Klosterkirche St. Georg. Optimal ist ein Besuch am frühen Vormittag: Dann nämlich fällt das Licht so durch die fenster, dass der Heilige Georg im Hochaltar geradezu mystisch anmutet.

Vom Klosterhof kommt man in die Barockkirche der Gebrüder Asam…

… und in die Klosterbrauerei.
Danach vermag man sich ruhigen Gewissens dem zweiten Weltenburger Glanzlicht zuwenden: dem Gerstensaft. Nicht ohne Grund meint der Volksmund: „In Weltenburg fließen Donau und Bier um die Wette.“ Die Klosterbrauerei kann mit vielen Köstlichkeiten aufwarten. Die größte Berühmtheit genießt sicher das Weltenburger Kloster Barock Dunkel, das schon mehrfach mit dem World Beer Cup als bestes Dunkelbier rund um den Globus bedacht wurde. Aber die Produkt-Palette ist noch wesentlich breiter. Und ein fantastisches Ambiente für die Suche nach dem ganz persönlichen Lieblings-Bier ist der Biergarten mit den alten Kastanien im barocken Innenhof des Klosters. Er gilt als einer der schönsten Bayerns.
Das große Finale: Per Schiff durch das Nationale Naturmonument
Aller guten Dinge sind im Radelparadies Altmühl drei: Neben Drahtesel und Schusters Rappen fehlt noch ein Verkehrsmittel auf der Tour durch diese herrlichen Gegend: das Schiff. Und ohne das geht’s ohnehin nicht, wenn man ein spektakuläres Naturwunder zum Abschluss der wunderschönen Tage dort genießen möchte: den Donaudurchbruch.
Und daher ist ein Trip mit der Kelheimer Schifffahrt im Grund ein absolutes Muss, wenn das Landschafts-Erlebnis komplett sein soll. Denn auf den knapp sechs Kilometern bis Kelheim warten viele Fels-Formationen, die einen zum Staunen bringen und auf die während der Fahrt immer wieder hingewiesen wird: Versteinerte Jungfrau und Drei Steinerne Brüder, Bienenhaus, Napoleons Koffer und und und….
2020 wurde der Donaudurchbruch übrigens zum ersten Nationalen Naturmonument Bayerns erklärt. Denn dort in den Felsen brüten unter anderem Wanderfalke und Uhu, wächst die Donaumehlbeere (und zwar nur dort) und tummeln sich Fische wie der Wels oder der seltene Huchen (auch „Donau-Lachs“ genannt).

Eindrucksvolles Naturschauspiel. der Donaudurchbruch.
Diese Schifffahrt ist quasi das I-Tüpfelchen auf die Tour durchs Radelparadies Altmühltal. Und die hat so richtig Lust gemacht, es der Altmühl gleichzutun und dem Lauf der Donau weiter zu folgen. Also: Wieder hinauf auf den Sattel! Zum Schwarzen Meer sind es schließlich nur noch schlappe 2415 Kilometer…
Informationen: https://www.naturpark-altmuehltal.de/
https://www.naturpark-altmuehltal.de/radfahren/radwege/altmuehltal-radweg-166/
Und hier die Links zu den ersten drei Folgen der Serie übers Radelparadies Altmühltal:
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