Eine Region voller Vielfalt: das ist das Altmühltal. Das kann man am besten mit dem Drahtesel er-fahren. Zwischen Beilngries und Kelheim warten zum Beispiel ein einst bahnbrechender, letztlich aber kaum genutzter Kanal, eine alte Keltensiedlung, bayerische Chinesen und eine fantastische Falknerei. Ganz klar: Langweilig wird es einem auf dieser Etappe des Altmühltal-Radwegs ganz gewiss nicht.

Vor dem Start dieses Teilstücks lohnt ein Bummel durch das Städtchen Beilngries. Zum Beispiel entlang der alten Stadtbefestigung: Stolze neun gut erhaltene Türme aus dem 15. Jahrhundert kann man dort noch bewundern – nicht zuletzt der Bürger- oder der Sauhüter-Turm. In seine Kinderträume vermag man im Spielzeugmuseum im alten Franziskanerkloster wieder einzutauchen: Blechspielzeuge, Puppenstuben, Kaufläden, Dampfmaschinen, Karusselle und vieles andere mehr erfreuen das Herz.

Beilngries: Zwischen Mittelalter-Türmen und neobarocker Pracht

Die Stadtpfarrkirche St. Walburga lässt einen wiederum spüren, wie schnell sich die Zeiten doch ändern können: Zu Zeiten der Hohenzollern-Kaiser musste ein Neubau her, weil der Vorgängerbau zu klein war. Der sollte ursprünglich neoromanisch werden, doch die Volksseele kochte. Nach langem Hin und Her entschied man sich für eine neobarocke Variante – aber mittlerweile ist die im Grunde wieder zu groß.

Ein Mix aus (Neo)Barock und Moderne: St. Walburga in Beilngries…

… mit seinem markanten Beton-Altar.

Stark geprägt ist das Innere außer von original barocken Kunstwerken auch von einer Renovierung in den 1960er-Jahren im Stil der damaligen Zeit: Altar und Ambo sind aus Beton. Aber so übel sieht das eigentlich gar nicht aus: Diese Elemente halten ästhetischen Ansprüchen durchaus stand.

Der Ludwig-Donau-Main-Kanal: Ein Traum, der von der Eisenbahn überholt wurde

Ein ähnliches Schicksal wie den Kirchenneubau in wilhelminischer Zeit ereilte den Ludwig-Donau-Main-Kanal, zu dem man nach nur wenigen Kilometern auf diesem Teilstück des Altmühltal-Radwegs kommt: Der sollte eigentlich die Erfüllung eines 1000 Jahre alten Traumes werden – denn schon Karl der Große hatte die Vision einer durchgehenden Wasserstraße  von der Nordsee zum Schwarzen Meer. Während der erste Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation noch daran scheiterte, wurde das Projekt unter Bayerns zweitem König Ludwig I. zur Wirklichkeit. Und zwar durchaus auch mit hohen ästhetischen Ansprüchen: Zwei der 69 Schleusenwärterhäuschen entwarf nämlich der Königliche Hofarchitekt Leo von Klenze persönlich, der auch die berühmte Befreiungshalle hoch über Kelheim am Ziel dieser Etappe plante…

 

Eine der historischen Schleusen des Ludwig-Donau-Main-Kanals…

… und die vom Königlichen Hofbaumeister entworfene Dienstwohnung des Schleusenwärters.

100 Schleusen sorgten damals dafür, dass die 178 Kilometer von Bamberg über Nürnberg, Neumarkt in der Oberpfalz und Dietfurt nach Kelheim in beiden Richtungen befahren werden konnten. „Bergauf“ wurden die Schiffe von Pferden gezogen (oder „getreidelt“, wie man damals sagte). Doch Pech: 1846, als der Kanal in Betrieb ging, eroberte eine neue Technik das Verkehrswesen auch in deutschen Landen – die Eisenbahn! Und mit der konnte die Kanal-Schifffahrt mit einem Durchschnittstempo von 3 Kilometer pro Stunde nicht mithalten…

Alcmona: Zu Gast bei den Kelten am „krummen Bachlauf“

Eines der beiden Schleusenwärterhäuschen steht übrigens bei Alcmona. Wo und was das ist? Eine rekonstruierte Keltensiedlung in der Nähe von Dietfurt (Achtung: Die Abzweigung vom Radweg ist nicht gerade optimal beschildert). Hier erhält man einen ganz wunderbaren Einblick in eine Welt, die einem im Gegensatz zu der der Römer kaum vertraut ist, aber die Bezeichnung „Hochkultur“ auf jeden Fall verdient. Das beweisen das nachgebaute Lehmhaus, der auf „Stelzen“ stehende Stadel, der Lehmbackofen und auch der Garten mit Nutzpflanzen aus uralter Zeit.

So kann man sich die Keltenzeit vorstellen: das nachgebaute Lehmhaus…

… und der urige Backofen (ebenfalls aus Lehm).

Die nachgebaute Siedlung fußt übrigens auf Ergebnissen einer Ausgrabung an der Staatsstraße am westlichen Ende Dietfurts. Das Erlebnisdorf („Alcmona“ soll übrigens der keltische Name der Altmühl sein und so etwas wie „krummer Bachlauf“ bedeuten) besteht indes aus Gebäuden unterschiedlicher Epochen, aber das schmälert den Eindruck keineswegs. Ganz im Gegenteil.

Bayrisch China: Wo der Kaiser im Altmühltal regiert

Von den Kelten zu den Chinesen: An der Altmühl ist das kein weiter Sprung, sondern liegt ganz nah. In nur ein paar Minuten erreicht man nämlich von Alcmona aus Bayrisch China. Das freilich die meiste  Zeit des Jahres als Dietfurt bekannt ist.

Im Fasching ein „chinesischer Palast“: das Rathaus von Dietfurt.

Der seltsame Bei-Name geht auf ein Ereignis im Mittelalter zurück. Der Kämmerer des Eichstätter Bischofs hatte in dem Städtchen die Steuern eintreiben wollen, musste aber unverrichteter Dinge wieder abziehen. „Die Dietfurter verschanzen sich hinter ihren Mauern wie die Chinesen“, berichtete er seinem Herrn. Was als Spott gedacht war, entwickelte sich zum Markenzeichen. Vor allem im Fasching, wenn am Unsinnigen Donnerstag das Kaiserpaar (aktuell Kaiser DaKaRe und Kaiserin DiMucki) vor 20 000 Zuschauern in einer Sänfte durch die Stadt getragen und der Bürgermeister zum Kaiserlichen Großmandarin degradiert wird. Übrigens: aus dem Ulk des Chinesenfasching ist mittlerweile eine echte Städtepartnerschaft geworden: mit Nanjing in China…

Spektakuläre Flugschauen: Die Falknerei auf der Rosenburg

Mittelalter-Fans kommen nur rund eine Radel-Stunde später auf der Rosenburg hoch über Riedenburg voll auf ihre Kosten. Aber nicht nur sie: Die Falknerei dort oben schlägt groß und klein, jung und alt in ihren Bann:  Die Flugvorführungen dort sind lebendiger Biologieunterricht vom feinsten – und zwar für alle Generationen. Denn man erfährt viele wohl den meisten unbekannte Details aus dem Leben von Adler und Geier, Milan und Falke, Bussard und Steinkauz und und und…

Und das alles nicht in staubtrockenen wissenschaftlichen Vorträgen, sondern in einem lockeren Plauderton – und vor allem auch live in der Praxis. Es sausen übrigens nur die Vogelarten gleichzeitig durch die Lüfte, die sich auch draußen in der Natur vertragen. Sie schweben zuweilen auch in rasanter Geschwindigkeit direkt über die Köpfe des Publikums hinweg. Man spürt zu jeder Sekunde dieser fantastischen Shows: Die Tiere fühlen sich wohl, trainieren nicht nur gerne, sondern voller Begeisterung und haben eine innige Beziehung zu ihren Falknern.

Mittelalter hautnah: die Rosenburg hoch über dem Städtchen Riedenburg.

Riedenburg: Öko-Bier, Riesenkristalle und der Protest gegen den Kanal

Der romantische Stadtkern von Riedenburg lädt am Ufer der Altmühl ebenfalls zum Verweilen ein. Und sicher hat der eine oder andere Radler durchaus Lust, sich ein Glas des gleichnamigen Getränks oder ein Bierchen zu gönnen. Das Riedenburger Brauhaus ist nämlich eines der ersten, die konsequent auf Öko-Gerstensaft gesetzt haben: Den „Rohstoff“ bezieht man aus der ökologisch zertifizierten Landwirtschaft des Klosters Plankstetten. Und verwendet als eine von nur wenigen Brauereien auch heute noch die uralten Getreidesorten Emmer und Einkorn in der Produktion.

Marktplatz-Idylle in Riedenburg.

Freunde edler Steine können wiederum im Kristallmuseum Riedenburg ihrer Leidenschaft frönen: Dort bringt einen unter anderem die größte Bergkristallgruppe der Welt (sie bringt sage und schreibe 8 Tonnen auf die Waage) zum Staunen. Eine wahre Wunderwelt der Mineralien und Edelsteine.

Das Finale: Von Burg Prunn über den „Tatzelwurm“ nach Kelheim

Der Ausbau des letzten Teilstücks der Altmühl zu einem schiffbaren Kanal stieß in den 1980er-Jahren übrigens nicht überall auf helle Begeisterung. Wie gut, dass das in Riedenburg, das davon auch betroffen war, nicht unter den Teppich gekehrt, sondern durchaus thematisiert wird. Und zwar auf dem Kanalskulpturenweg am Riedenburger Weiher, der anlässlich des 25-jährigen Bestehens des einst heftig umstrittenen Rhein-Main-Donau-Kanals entstand. Der Bildhauer Peter Hanus aus dem nahen Ihrlerstein bei Kelheim hat dort nämlich ein „Papierschiff“ aus dem Kalkstein der Region geschaffen und mit historischen Schlagzeilen versehen. Eine davon lautet: „Totentanz im Altmühltal“.

Erinnerung an Bürgerprotest: Peter Hanus‘ „Titelblatt“ im Skulpturenpark von Riedenburg.

Auch zu Franz Josef Strauß‘ großen Zeiten wurde ein Projekt (der Rhein-Main-Donau-Kanal) als „alternativlos“ bezeichnet. Man darf indes füglich bezweifeln, ob das stimmte. Massenweise Schiffe sind nämlich dort während einer Radtour keineswegs zu sehen…

*

Auch auf den letzten Kilometern säumen noch einige Glanzlicher den Altmühltalradweg: Burg Prunn ist nicht zuletzt für Literaturfreunde ein fast ikonischer Ort. Dort stieß  ein Hofrat mit dem wunderschönen Namen Wiguläus Hund (der Geschichtsschreiber von Bayernherzog Albrecht V.) nämlich auf eine kostbare Handschrift des Nibelungenlieds. Eine Kopie ist in der Dauerausstellung in einer der besterhaltenen Burgen Bayerns, die nie zerstört wurde und 70 Meter über dem Talgrund Romanik, Gotik und Renaissance widerspiegelt, zu sehen.

Nie zerstört: Burg Prunn hoch überm Altmühltal.

„Tatzelwurm“ wird (ob ihrer geschwungenen Form) wiederum die Holzbrücke in Weihermühle bei Essing genannt. Mit 189,91 Meter war sie ab 1986 für 20 Jahre tatsächlich die längste ihrer Art in ganz Europa und ist heute sicher immer noch eine der spektakulärsten in Deutschland.

Schwungvoll: die Holzbrücke bei Weihermühle.

Der Markt Essing kurz dahinter wurde an einer der engsten Stellen im Altmühltal erbaut. Die ehemalige Stiftskirche prägt heute noch den Ortseingang und zeugt vom Heilig-Geist-Spital, das 1367 von den Grafen von Abensberg gegründet wurde. Dort kümmerten sich sechs Chorherren im Mittelalter um Kranke und Bedürftige.

Ab hier vermag man diese Etappe nun langsam austrudeln lassen. Schon bald zeigt sich die landschaftsprägende Befreiungshalle am Horizont, und nach nicht mal einer halben Stunde gemütlicher Fahrt rollt man durch eines der romantischen Stadttore von Kelheim.

Die Befreiungshalle hoch über Altmühl und Donau…

… kündigt an: Bald ist man am Ziel (hier eines der Stadttore von Kelheim).

Strecken-Stenogramm

Länge: rund 57 Kilometer
Dauer: etwa 3,5 Stunden (ohne Pausen/mit E-Bike gefahren)
Informationen: https://www.naturpark-altmuehltal.de/  https://www.naturpark-altmuehltal.de/radfahren/radwege/altmuehltal-radweg-166/

Einkehrtipp

Gasthof Weißes Lamm

(mit exzellenter regionaler Hausmannskost)

Im Weißen Lamm in Kelheim: ein Fest der klassischen bayerischen Küche – sei es beim Donau-Wels mit Kartoffelsalat…

… oder dem traditionellen Sauerbraten mit Knödel.

Und hier die Links zu den ersten drei Folgen der Serie übers Radelparadies Altmühltal:

Radelparadies Altmühltal (1). Donauwörth – Eichstätt

Radelparadies Altmühltal (2). Ein Bummel durch Eichstätt

Radelparadies-Altmühltal (3). Eichstätt – Beilngries


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