Von Eichstätt kann man sich nur schwer trennen. Auch und gerade als Radler. Aber auf der anderen Seite locken ja auch  viele andere schöne Orte im Radelparadies Altmühltal. Das zeigt sich nicht beim Herbstradeln. Sondern zu allen Jahreszeiten.

Bevor man der romantischen Bischofsstadt endgültig Ade sagt, muss etwas außerhalb des Zentrums ein Abstecher in die einstige Kapuzinerkirche Heiligkreuz einfach sein. 1166 hatte Walbrun von Rieshofen (ein Ortsadliger, an dessen Stammsitz man auf der nächsten Etappe ebenfalls vorbeiradelt) hier eine Kuppelkirche erbauen lassen. Eine Nachbildung des Heiligen Grabes in Jerusalem bildete deren Kern; das eigentliche Gotteshaus wurde drumherum errichtet.

Mehr als 850 Jahre alt: das „Heilige Grab“ von Eichstätt.

Das hatte seinen Grund: Da Jerusalem von den islamischen Herrschern besetzt war, konnten Christen dort nicht hin. Also richtete man Ersatz-Pilgerstätten ein – und in Eichstätt findet man eine der berührendsten davon. 500 Jahre später ließ Fürstbischof Johann Christoph von Westerstetten die Ur-Kirche abreißen und einen Neubau für den Kapuzinerorden errichten. Das Heilige Grab freilich blieb erhalten. Und seiner Faszination können sich viele auch heute noch kaum entziehen.

Berührend: der Christus im Inneren des „Heiligen Grabes“.

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In aller Gemütlichkeit vermag man dann Eichstätt hinter sich zu lassen, bis nur ein paar Kilometer weiter in Pfünz die einzige „Bergprüfung“ des Tages auf einen wartet. Obwohl es für die meisten wohl ein paar Schweißtropfen in Kauf zu nehmen gilt, sollte man die steile Passage hinauf zum ehemaligen Kastell Vetoniana nicht scheuen, kann man hier doch überaus eindrucksvoll in die Glanzzeit des Imperium Romanum eintauchen.

Jenseits der Altmühl lag der Limes, und die Besatzung von Vetoniana sollte ab etwa 90 nach Christus den Grenzabschnitt bewachen und schnell eingreifen können, sollten sich die Germanen in feindlicher Absicht nähern. 500 Soldaten waren dort stationiert, und in aller Regel ging es recht friedlich zu, wurde doch mit den Völkern jenseits des Grenzwalls auch durchaus reger Handel getrieben. Es waren übrigens keine Römer im eigentlichen Sinn, die dort Dienst taten, sondern „die wegen ihrer Tapferkeit die kraftvolle und siegreiche genannte“ Kohorte der Breucer – eines Volksstamms, der in Illyrien in der Region des heutigen Kroatien angesiedelt war.

500 Soldaten beherbergte dereinst das Kastell Vetoniana. Hinzu kam noch eine Zivilsiedlung daneben.

233 nach Christus konnten sie indes einem Überfall der Alemannen nichts mehr entgegensetzen. Es muss damals furchtbar zugegangen sein, denn die Archäologen fanden bei ihren Forschungen unter anderem eine eiserne Fußfessel, in der noch der Unterschenkel eines Gefangenen steckte, der sich aus der von den Alemannen entfachten Feuersbrunst nicht mehr zu retten vermochte. Auch auf drei Schildbuckel, nach denen die Wachmannschaften nicht mehr greifen konnten, stießen die Wissenschaftler und entdeckten in der Zivilsiedlung neben dem Kastell auch noch einen Schatz aus 94 Silbermünzen und diversem Schmuck. Den hatten wohl nicht die Ärmsten der Armen zurückgelassen, als sie Hals über Kopf zu fliehen versuchten oder gar getötet wurden. Denn bei den Ausgrabungen kamen auch jede Menge Skelette zutage.

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Kurz hinter Pfünz quert der Altmühl-Radweg dann die „Römerbrücke“. Aber Vorsicht: Das ist ein Fake aus der Zeit, als man alles Uralte wohl für römisch hielt. In Wahrheit ist sie keine 1900, sondern „nur“ rund 600 Jahre alt. 1432 wurde das steinerne Bauwerk mit vier Bögen erstmals erwähnt, und 1486 bestätigte Kaiser Friedrich den Bischöfen von Eichstätt, dass sie hier Zoll einkassieren durften. Sicher ein einträgliches Geschäft.

Aus dem Mittelalter, nicht aus der Römerzeit: die historische Altmühl-Brücke bei Pfünz.

Mindestens genauso sehenswert ist freilich die tolle Skulptur des Bildhauers Alois Wünsche-Mitterecker, der Passagen aus Paulus‘ Korintherbrief so künstlerisch in Stein und Glas umgesetzt hat, dass sie das Innerste erreichen. „Brücke ins Leben“ heißt diese Station des Projekts „Lebens-Weg“, mit dem die Katholische Landjugendbewegung an zwölf Orten Momente der persönlichen Besinnung schenken möchte. Hier ist es ihr zweifelsohne gelungen.

Kunst, die das Innerste erreicht: Alois Wünsche-Mittereckers Skulptur am linken Ufer der Altmühl.

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Wer radelt, der rastet. Oder sollte es zumindest tun. Und wenn man auf solch einen romantischen Rastplatz wie den Bergfried der ehemaligen Burg Rieshofen stößt (ja, genau: von dort stammte Walbrun, der Stifter des Heiligen Grabes), geht manchem bei seinen Gedankenspielen der „Römer-Gaul“ durch: Zu Zeiten des bayerischen Königs Maximilian (also vor rund 200 Jahren) vermutete man kein uriges Ritter-Domizil hinter dem Gemäuer, sondern einen Wachturm der alten Römer. Davon zeugt sogar noch eine original erhaltene Gedenktafel.

Romantische Ritterspur: Reste der einstigen Wasserburg von Rieshofen…

… mit der Fake-Infotafeln aus König Maximilians Zeiten.

Ein absoluter Hingucker ist aber auch die wunderbare Eiche neben den Resten der Wasserburg. Idylle pur. Und während man um sich blickt, kann man nachvollziehen, warum die adligen Herren von Rieshofen ausgerechnet diesen schönen Fleck als Standort für ihre Wasserburg wählten: Die Altmühl übernahm die Absicherung einer Seite – und füllte darüber hinaus die restlichen drei künstlich geschaffenen Gräben. Einfach clever.

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Schnell voran kommt man bei dieser Etappe nicht. Und das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Schon drei Kilometer weiter lockt mit der Entschleunigungsstation in Pfalzpoint der nächste Zwischenstopp. Und den sollte man sich gönnen. An der Anlage, die an ein antikes Amphitheater erinnert, kann man die Füße herrlich im kühlen Wasser baumeln lassen oder Vater Kneipp beim Wassertreten in der Altmühl huldigen, während der Blick zur Gungoldinger Wacholderheide schweift – dem größten als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Biotop dieser Art in Bayern. Sie entstand durch riesige Waldrodungen im Mittelalter.

IIIIIHHHHH! Erfrischung a la Kneipp bei Pfalzpoint.

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Entlang der hier wunderbar gemächlich fließenden Altmühl finden sich noch eine Menge andere Zeugnisse dieser heute oft romantisierten Epoche. Auf die Ruine Arnsberg folgt etwa die Burg Kipfenberg. Deren Kern kann zwar als Privatbesitz  nicht besichtigt werden, aber in der Vorburg ist das sehenswerte Römer- und Bajuwarenmuseum  beheimatet, das mit einem wahren Highlight aufwarten kann: dem Nachbau: der Grablege des „ersten echten Bayern“. Denn 1990 hatte man hier in der Nähe ein germanisches Kriegergrab aus dem 5. Jahrhundert entdeckt, das mit reichen Beigaben versehen war. In Originalgröße hat man es hier regelrecht inszeniert. Aber auch der nahe Limes und die Römer werden gebührend gewürdigt.

Auf Burg Kipfenberg werden Römer und Bajuwaren in einem Museum gewürdigt.

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Wasserratten oder auch Eisbader (je nach Jahreszeit) werden sich danach im Kratzmühlsee pudelwohl fühlen. Eine tolle Erfrischung vor dem „Endspurt“ nach Beilngries. Und im Herbst oder Winter kann man sich danach ja „warmradeln“.

Kurz vor dem Ziel: ein Bad im Kratzmühlsee.

Auf den Abend in dem kleinen Städtchen kann man sich währenddessen beim finalen strampeln so richtig freuen: Beilngries genießt wegen seiner guten Gastronomie weithin Bekanntheit. Nur ein Beispiel: Der Fuchsbräu begeistert, weil er konsequent auf Regionalität setzt und auf einer Landkarte genau Auskunft gibt, wo seine Lieferanten angesiedelt sind – allesamt sind sie in einem Umkreis von höchstens 35 Kilometern angesiedelt…

Strecken-Stenogramm

Länge: rund 53 Kilometer
Dauer: etwa 3,5 Stunden (ohne Pausen/mit E-Bike gefahren)
Informationen: https://www.naturpark-altmuehltal.de/  https://www.naturpark-altmuehltal.de/radfahren/radwege/altmuehltal-radweg-166/

Einkehrtipp

Gasthof Fuchsbräu

(mit guter regionaler Hausmannskost)

Tolle regionale Küche im Fuchsbräu in Beilngries – seien es Gemüsepflanzerl…

… oder ein Schwammerlgulasch.

Und hier die Links zu den ersten beiden Folgen der Serie übers Radelparadies-Aichtal:

Radelparadies Altmühltal (1). Donauwörth – Eichstätt

Radelparadies Altmühltal (2). Ein Bummel durch Eichstätt

 


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