Radeln: das heißt (zumindest für mich) keineswegs Hetzen und „Kilometerbolzen“. Eine Tour wird aus meiner Sicht (wörtlich zu nehmen) erst so richtig schön, wenn man sich Zeit nimmt, die Schönheiten am Wegesrand etwas genauer zu betrachten und bewusst wahrzunehmen. Gerade im Radelparadies Altmühltal bieten sich viele tolle Möglichkeiten dazu. Zum Beispiel bei einem ausgiebigen Bummel durch Eichstätt.

Man sollte daher nicht gleich nach dem Frühstück wieder aus der alten Bischofsstadt hinausstrampeln. Sie ist ein wahres Schatzkästlein der Kultur. Die Verkleinerungsform ist da ganz bewusst gewählt: Alle Sehenswürdigkeiten befinden sich auf engstem Raum. Man kann das Fahrrad ruhig im Quartier stehen lassen und sich dann ganz entspannt zu Fuß auf den Weg machen.

Das Info-Zentrum des Naturparks Altmühltal im alten Frauenkloster Notre Dame ist da ein idealer Startpunkt. Im herrlichen Kuppelsaal mit dem faszinierenden Deckenfresko von Johann Georg Bergmüller, das die Huldigung des Herzens Jesu durch die vier Erdteile zeigt, lief während unserer Herbstradeltour 2025 eine tolle Ausstellung über den Apfel – dass diese Frucht des Gartens Eden in einem Radelparadies eine zentrale Rolle spielt, versteht sich ja fast von selbst. Einfach faszinierend, wie viele alte Sorten im Naturpark noch gedeihen…

Einfach hewrrlich: das Deckenfresko im Kuppelsaal des einstigen Klosters Notre Dame in Eichstätt.

Wie viele unterschiedliche Facetten der Naturpark Altmühltal hat, wird einem in der Dauerausstellung in den Obergeschossen so richtig bewusst. Richtiggehend wohltuend sind da etwa die kompetenten Informationen über den Biber, der hier (anders als in anderen Regionen) keineswegs verteufelt, sondern als „Mitbewohner“ geachtet wird. Darüber hinaus wird auch viel Wissenswertes über Kultur, Natur, Kirchen, Klöster und das fast buchstäblich vom Erdboden verschwundene traditionelle Jura-Haus vermittelt.

Vorgeschichtliche Altmühltaler: Hier im Jura lebten einst Dinosaurier….

… der Juravenator erinnert indes eher an eine Laufente denn an ein Furcht einflössendes Ungeheuer.

Natürlich fehlen auch die Stars der Urzeit nicht: die Dinos. Es handelt sich dabei keineswegs nur um riesige Kolosse: Regelrecht witzig sieht da zum Beispiel der kleine Juravenator in seinem Federkleid aus, der einen eher an eine Laufente denn an den zähnefletschenden T-Rex erinnert, den man gemeinhin vor Augen hat, wenn das Stichwort Dinosaurier fällt.

Höchst beeindruckend ist auch, wie der Naturpark im Altmühltal identitätsstiftend wirkt. Die Bevölkerung wird hier „mitgenommen“, viele Aktionen haben die Gemeinschaft als Basis, nichts ist inszeniert oder wirkt aufgesetzt, kein „Ausverkauf der Heimat“ ist hier zu befürchten. Absolut vorbildlich.

*

Eins ist unübersehbar: Eichstätt ist eine (sehr) katholische Stadt mit vielen katholischen Stätten. Und das ist durchaus positiv gemeint: Spiritualität findet man hier gewissermaßen an jeder Straßenecke. Etwas versteckt, aber beeindruckend und berührend: die Gruftkapelle mit dem Grab der Heiligen Walburga in der Abtei St. Walburg. Unzählige Votivtafeln zeugen von der Dankbarkeit von Menschen, die hier ihrer letzten Hoffnung Ausdruck verliehen – und aus ihrer Sicht erhört wurden. Der Glaube versetzt Berge – hier ist man diesem Satz ganz nah…

Flankiert von Brüdern und Eltern: die Grablege der Heiligen Walburga.

Walburga wurde übrigens schon zu Lebzeiten hoch verehrt und bereits Mitte des 8. Jahrhunderts als „Kirchenmutter des Glaubens“ tituliert. Man kann sie mit gewissem Recht auch als eine Vorreiterin der Emanzipation betrachten: Als ihr Bruder Wunibald starb, übernahm sie 761 die Leitung des gut 40 Kilometer von Eichstätt entfernten Doppelklosters von Heidenheim in Franken – und stand damit sowohl dem Frauen- wie dem Männerkonvent vor. Dort wurde sie auch nach ihrem Tod zunächst bestattet, bevor Bischof Otgar von Eichstätt 870 die Umbettung ihrer Gebeine an seinen Bischofssitz anordnete. Aus diesem Anlass sprach sie Papst Hadrian II. dann auch förmlich heilig. Ihr Gedenktag genießt auch heute noch große Bekanntheit: Er endet mit der Walpurgisnacht zum 1. Mai. Inhaltlich gibt es dazu übrigens überhaupt keinen Bezug.

Zeugnisse der Volksfrömmigkeit: unzählige Votivtafeln.

Und dies, obwohl sich an Walburgas Grab geheimnisumwobene Dinge ereignen: Zwischen Oktober und Ende Februar tritt unter ihrem Reliquienschrein Flüssigkeit aus, die im Volksmund als „Walburgisöl“ bezeichnet wird. Ihm wird heilende Wirkung bei allerlei Gebrechen nachgesagt – nicht zuletzt bei Augenleiden. Auf alten Darstellungen wird die Heilige stets mit einem Ölfläschchen abgebildet – denn schon seit 893 wird von diesem Phänomen berichtet.

*

Nur einen Katzensprung ist es von Sankt Walburg zum Dom von Eichstätt – und dessen Bedeutung lässt sich schon allein daran ablesen, dass mit ihm ein dreifaches Patrozinium verbunden ist: Er wurde sowohl dem Heiland (St. Salvator) als auch der Muttergottes (Unsere Liebe Frau) und dem Heiligen Willibald geweiht. In dem Namen verbinden sich mithin die Sehnsucht nach Erlösung, die Verehrung Marias und die historische Verwurzelung: Willibald, ein angelsächsischer Missionar, war sowohl Gründer als auch erster Bischof von Eichstätt. Und (nebenbei bemerkt) übrigens auch ein Bruder der Heiligen Walburga und des Heiligen Wunibald dazu.

Die frisch renovierte Kathedralkirche ist unverkennbar heute noch Mittelpunkt der Stadt. Die helle Farbe der Außenfassade entfaltet schon allein einladende Wirkung, und auch das lichtdurchflutete Innere löst Begeisterung aus. Da ist zum Beispiel der fantastische Hochaltar mit dem tollen modernen Ambo davor, bei dem man sich fragt, ob er nun einen Gegenpol darstellt oder vielmehr ein ganz wichtiges Puzzleteil dieses herrlichen Gebäudes ist. Ich tendiere zu Letzterem.

Sofort ein Blickfang: der Hochaltar des Eichstätter Doms.

Genau gegenüber, am Westchor, dominiert das Grab des Heiligen Willibald die Szenerie. Loy Hering, ein Allgäuer Bildhauer, hat den Bistumsgründer da in der Renaissance lebensgroß als alten Mann dargestellt, 1514, also kurz vor Beginn der Reformation schuf er damit eines seiner Hauptwerke, dessen Wirkung man sich auch heute nicht entziehen kann. Und  da sich Willibalds Blick zum Hochalter im Osten richtet, sagen die Eichstätter schmunzelnd, dass der erste Bischof jedem seiner Nachfolger in die Auge schaue, wenn der die Heilige Messe zelebriert…

Das mächtige Grab des Heiligen Willibald.

Es lohnt sich aber auch, um das riesige Grabdenkmal für einen Mann, dessen Bescheidenheit und Geduld seine Zeitgenossen rühmten, herumzugehen. Nicht nur die Rückseite des Monuments ist sehenswert, auch die Tafeln an den Seitenwänden sind einer näheren Betrachtung wert. Da wird nicht nur die Lebensgeschichte des frommen Mannes erzählt, der zu den Ersten gehörte, die den christlichen Glauben in das Gebiet des heutigen Deutschland brachten, da werden auch bildlich allerlei Satansgeschichten erzählt und Teufelstheorien aufgestellt.

Aber auch die uralten Figuren am Türrahmen können einen noch nach Jahrhunderten in den Bann schlagen – etwa die sogenannte „Siboto-Madonna“ mit dem verschmitzt lächelnden Jesuskind aus dem Jahr 1296. Zu ihren Füßen ist ihr Stifter als demütig um sein Seelenheil Betender dargestellt: der Domherr Siboto von Engetreut. Eine kleine Skulptur nur, aber auch sie kann berühren.

Verschmitzt lächelt das kleine Jesus-Kind: die Siboto-Madpnne ist über 700 Jahre alt.

Zu ihrten Füßen betet der Stifter: der Domherr Siboto

Die neu gestaltete Bischofsgrablege in der westlichsten Seitenkapelle des Doms erreicht ebenfalls durch ihre Schlichtheit die Herzen. 1989 wurde das Wandepitaph aus dem die Region prägenden Jurakalkstein von dem fränkischen Bildhauer Fritz Koenig geschaffen. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Künstler dieses Genres des 20. Jahrhunderts und schuf unter anderem „The Sphere“, eine riesige Bronzekugel vor dem World Trade Center in New York, die das Inferno vom 11. September 2001 schwer beschädigt überstand und seither als Mahnmal gegen den Terror Wirkung entfaltet. Im Eichstätter Dom zeigt er in schlichter Formensprache mit geometrischen Formen wie Kugel und Zylinder, dass ein Bischof letztlich auch nur ein Mensch ist – und die Zeichen seiner Würde, die Mitra und den Bischofsstab, eben nicht auf seinem Weg in die Ewigkeit mitnehmen kann.

Und so dürfte so mancher den Eichstätter Dom in einer durchaus auch nachdenklichen Stimmung verlassen. Zu sehen (und zu erzählen) gäbe es ja noch viel. Aber andererseits wartet ja die nächste Etappe durchs Radelparadies Altmühltal. Und Eichstätt ist ja immer mal wieder einen Besuch wert.

Also: Schwingen wir uns auf den Sattel! Auf Wiedersehen, Eichstätt!

Einkehrtipp

Cafe Konditorei Fuchs

(mit einer tollen Jura-Torte  – einer mit einem Ammoniten gekrönten Eigenkreation – und einem prima Zwetschgen-Datschi)

Und hier der erste Teil meiner Serie über das Radelparadies Altmühltal:

Radelparadies Altmühltal (1). Donauwörth – Eichstätt

 


0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert