Sicher: Es ist noch Winter. aber für begeisterte Radler ist genau jetzt vermutlich die beste Zeit, die Touren für das nächste Jahr zu planen. Denn die Tüftelei lässt sich in der kalten Jahreszeit ideal mit der Vorfreude verbinden. Ein heißer Tipp ist dabei eine Region, in der sich fast das ganze Jahr über genussvoll strampeln lässt: das Altmühltal – ein wahres Radelparadies.

Dies haben wir zum Beispiel im Oktober 2025 beim Herbstradeln erleben können. Auch bei etwas kühleren Temperaturen bot sich uns Radelfreude pur. Nicht nur wegen der in der herbstliche Farben getauchten herrlichen Landschaft und den kulturellen und historischen Perlen entlang der Strecke, sondern auch wegen der Top-Infrastruktur entlang der Route. Und die ist zu jeder Jahreszeit vorhanden. Die in dieser Serie greschilderten Impressionen gelten daher das ganze Jahr über – vielleicht mal abgesehen vom tiefsten Winter.

Der Startpunkt für diese Tour? Der Bahnhof Donauwörth empfiehlt sich nicht nur wegen seiner günstigen Lage, sondern weil damit gleich zu Beginn ein wahres Kleinod auf die Radler wartet: Durch die Donaubrücke strömte im Mittelalter gewaltiger Reichtum in die Stadt, die zudem auch als Kaiserliche Messestadt herausragende Bedeutung besaß. Diese Blütezeit spiegelt sich heute noch im Stadtbild wider, so dass man nicht einfach losstrampeln sollte, sondern sich vor dem eigentlichen Start der Tour noch einen Bummel gönnen sollte.

Ein tolles Empfangsportal: das Rieder Tor in Donauwörth.

Am höchsten Punkt der alten Reichsstraße (auch heute noch die Hauptschlagader der Stadt) steht etwa das MItte des 15. Jahrhunderts erbaute Liebfrauenmünster. Wenn man es betritt, möchte man kaum seinen Augen trauen, aber es stimmt tatsächlich: In Richtung Altar geht es bergab! Und zwar um stattliche 1,70 Meter von der West- zur Ostseite des gotischen Bauwerks! Der Grund: Die Baumeister des Mittelalters wollte keine aufwändige Konstruktion des Fundaments, sondern passten ihre Pläne dem Verlauf der Reichsstraße an. Und so entstand dieseb ebenso eindrucksvolle wie kuriose „Schieflage“.

Nicht schief gewickelt: das Münster von Donauwörth an der alten Reichsstraße hat tatsächlich ein Gefälle.

Nach der Stippvisite in der Stadtmitte kann’s dann so richtig losgehen. Hinunter zur Promenade findet man in der Regel immer, und wer durch die Straße Spindeltal rollt, der wird sicher den toll gestalteten Hof zwischen der Mangold-Grundschule und der toll in die uralte Stadtmauer integrierten modernen Volkshochschule bewundern. Der Radweg hinaus aus der Stadt ist gut markiert: Abseits der stark befahrenen B2 geht’s bergauf.

Toller Pausenhof zwischen Grundschule und Volkshochschule in Donauwörth.

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Ein erster Stopp in Kaisheim muss nach rund einer halben Stunde schlichtweg sein. Die einstige Zisterzienserabtei dort sollte der Theorie nach ursprünglich von Einfachheit geprägt sein, doch die Realität hielt dem wie so oft nicht ganz stand. Anspruch und Wirklichkeit klaffen eben zuweilen auseinander. Nicht nur in alten Klöstern.

Die Klosterkirche von Kaisheim.

Sei’s drum! Um dieses alte Kloster ranken sich faszinierende Geschichten. Seine Existenz verdankt es im Grunde dem Ärger, den der kinderlose Graf Heinrich von Lechsgemünd, dessen Grabmal man heute noch in der alten Abteikirche bewundern kann, mit seiner lieben Verwandtschaft hatte. Daher vermachte er seinen gesamten Besitz vor rund 900 Jahren an die Zisterzienser, damit ja nichts in die Hände seiner ungeliebten Sippe fallen sollte.

Der Gründer von Kloster Kaisheim: Heinrich von Lechsgemünd.

1346 erlangte das Kloster dann sogar die Reichsunmittelbarkeit – nur noch der Kaiser stand über dem Abt, was die Mönchsgemeinschaft natürlich aufblühen lassen sollte. In Barock und Rokoko erreichte die Pracht ihren Höhepunkt: Das Münster (die Klosterkirche) wurde seines gotischen Ursprungs entkleidet und in ein barockes Gewand gesteckt, der neu geschaffene Kaisersaal gilt als einer der prunkvollsten Räume Süddeutschlands – schließlich wollte man den Imperator bei dessen spärlichen Besuchen auch gebührend empfangen. 24 lebensgroße Kaiser-Porträts zieren dort die Wände, in Wirklichkeit dort dürften indes höchstens acht gewesen sein.

Dafür ließ es sich quasi ein „Kaiser der Musik“ dort ordentlich gut gehen: Zwei Wochen lang (vom 13. bis 26. Dezember 1778) logierte der 22-jährige Wolfgang Amadeus Mozart auf seiner Heimreise von Paris nach Salzburg  in Kaisheim – länger als ursprünglich geplant. Es gefiel ihm nämlich so ausnehmend gut, dass er wohl schnell Distanz zum Tod seiner Mutter und dem Korb, den ihm seine große Liebe Aloysia Weber kurz zuvor gegeben hatte, fand. In seinen Briefen beschrieb er Kaisheim als „Ort, an dem man vortrefflich lebt“ und charakterisierte den  Prälaten so: „Er ist ein braver Mann – so lustig, wie man nur sein kann.“ Sein Vater fand dies indes gar nicht lustig: Er zieh den Filius in seinem Antwortschreiben vielmehr der „Liederlichkeit“. Dennoch ist man in Kaisheim heute noch stolz darauf, dass er auf der Orgel im Münster spielte und im Kaisersaal Privatkonzerte für die Mönche gab.

Auf dieser prächtigen Orgel spielte einst auch der junge Wolfgang Amadeus Mozart.

Im Zuge der Säkularisation war es indes vorbei mit der Herrlichkeit: Seit 1817 wird das einstige Kloster als Justizvollzugsanstalt genutzt: Die mönchs- haben sich in Gefängniszellen verwandelt….

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Von den Mönchen zu einer Heiligen: 893 hatte das Benediktinerinnenkloster Monheim die Reliquien der Heiligen Walburga bekommen, die rund 100 Jahre zuvor im Kloster im mittelfränkischen Heidenheim das Zeitliche gesegnet hatte. Deren Gebeine lösten einen regelrechten Boom aus: Monheim zählte zu den populärsten Wallfahrtsorten des Mittelalters. Von diesem Glanzzeiten zeugt heute noch der idyllische Kreuzgang, den man durch eine Seitentür der Walburgakirche aus erreicht. Die unverputzte romanische Säule dort lässt  die Aera des Klosters vor dem inneren Auge wiederauferstehen.

Die einstige Klosterkirche von Monheim in Schwaben…

… mit ihrem romantischen Kreuzgang-Rest …

… und den faszinierenden originalen romanischen Säulen.

Der Heiligen ist auch die Walburgiskapelle im linken Seitentralt der Kirche geweiht. Der frommen Frau aus dem Mittelalter schreibt man dort  übrigens auch die „glückliche Errettung der Stadt aus schwerer Kriegsnot“ zu, bei der der Einmarsch der US-Truppen glimpflicher ablief als nach dem ursprünglichen Widerstand deutscher Truppen, die sich dort verschanzt hatten, zu erwarten war. Aus diesem Grund wird noch heute jedes Jahr am 24. April (dem Jahrestag dieses Ereignisses) oder dem nächsten darauffolgenden freien Tag eine feierliche Dankmesse abgehalten.

Der Altar der Walburgiskapelle.

Dafür, dass der romantische Ortskern die Wirren des Krieges heil überstanden hat, kann man auch als Radler dankbar sein. Innerhalb der Stadtmauern geht es noch gemütlich zu, und bei einer Rast kann man die Blicke und die Gedanken schweifen lassen. Zum Beispiel auf das wunderschöne Rathaus, das der jüdische Kaufmann Abraham Elias Model von 1714 bis 1720 errichten ließ. Im ersten Stockwerk kann man dort (in den beiden Sitzungssälen sowie dem Trauzimmer) wunderschöne Stuckdecken aus der Wessobrunner Schule bewundern. Sie zeigen Szenen aus dem Alten Testament.

Das Rathaus von Monheim wurde von einem jüdischen Kaufmann erbaut.

Dies ist freilich auch mit einem düsteren Kapitel der Monheimer Geschichte verbunden:  Nur 21 Jahre nach der Fertigstellung des Baus endete das Schutzverhältnis zu den Juden der Stadt, 20 Familien mit 330 „Seelen“ wurden davon gejagt und deren „Ausschaffung“ von den christlichen Bewohnern mit einem zweitägigen Fest gefeiert…

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Gut, dass man beim Radeln schnell auf andere Gedanken kommt: Ganz in der Nähe Monheims, bei Rögling, verläuft die Grenze zwischen den Stämmen (und Sprachen) der Schwaben, Franken und Bayern. Aber trotz fallweiser gegenseitiger Neckereien kommen die hier prima miteinander aus.

Lässt dieser Aspekt die Herzen der Volkskundler und Linguistiker höher schlagen, so regt sich bei den Naturfreunden im Gailachtal die Begeisterung. Als Schwabe (wie der Schreiber dieser Zeilen) kommt in diesem wunderbaren Trockental im Karst mit seinen fantastischen Wacholderheiden fast unweigerlich die Frage in den Sinn: Gehört die Monheimer Alb (wie die Lanschaft hier heißt) eigentlich zur Schwäbischen Alb oder nicht? Des Rätsels Lösung (nach Recherche): Nein. Sondern zur südlichen Frankenalb. Aber ähnlich sind sich die beiden ohnehin.

Herrliches Farbenspiel: das Gailachtal im Herbst.

Man kann das Gailachtal natürlich das ganze Jahr über genießen – aber auf uns hat es gerade im Herbst einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die golden glänzenden Laubbäume sind besonders dann ein wahres Highlight der Natur.

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Eigentlich fehlt die meiste Zeit im Gailachtal nur eines: die Gailach selbst. Denn die ist im durchlässigen Karstboden zumeist versickert. Aber in Mörnsheim tritt sie dann doch zutage. Und leistete da tolle Arbeit: Entlang der sechs Kilometer bis in die Mündung in die Altmühl trieb sie sage und schreibe sechs Mühlen an!

Da ist sie ja wieder: die Gailach tritt in Mörnsheim nach der Versickerung an die Oberfläche.

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Eine weitere Perle blitzt kurz vor der Altmühl auf: Das Wallfahrtskirchlein Maria End bei Altendorf lässt einen den kurzen zackigen Aufstieg davor vergessen. Es erlebte vor knapp 500 Jahren eine Blüte, als im nahen (evangelischen) Spindeltal nach der Reformation die Wallfahrt dorthin verboten wurde. Der Ersatz boomte – und erhielt sein jetziges inneres Aussehen vor gut 300 Jahren durch den Eichstätter Hofbaumeister Jakob Engel – einen Meister des Barock.

Ersatz-Wallfahrtsort: Maria End bei Altendorf.

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Gleich kurz nach der Mündung der Gailach in die Altmühl lassen die herbstlichen Spiegelungen der Altmühl einem das Herz aufgehen. Und nur ein paar Minuten später beginnt an der Bootsanlegestelle die imposante Felsenlandschaft am Altmühlufer. Das „Schlüsselloch“ ist das erste Massiv, das einen in den Bann schlägt. Und kurze Zeit später auch noch der besonders markante Burgstein bei Dollnstein.

 

Markante Felsen am Radweges-Rand – erst das Schlüsselloch…

… und später der Burgstein.

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Apropos Dollnstein: Am Rande des kleinen Marktstädtchens findet sich in den eher kümmerlichen Resten der Burganlage das hervorragend ausgestattete Infozentrum des Naturparks Altmühltal. Besonders lobend zu erwähnen: die hervorragende Lademöglichkeit für E-Bikes.

Das Infozentrum des Naturparks Altmühltal in den Resten der Dollnsteinr Burg – mit toller Ladestruktur für E-Bikes.

Kurz hinter dem Ort mit der alten Kirche aus so typischen herrlichem weißen Kalkstein schmiegt sich der Altmühl-Radweg wieder direkt an das idyllischen Flüsschen. Ein wohltuender Unterschied zu anderen „Flussradwegen“, wo man das Wasser kaum sieht – wie etwa kurz zuvor bei unserer Tour auf dem Lechradweg zwischen dem Forggensee und Landsberg.

Und so kann man diese erste Etappe schön gemütlich austrudeln lassen. Und sich von der Romantik der Willibaldsburg umhüllen lassen, die kurz vor Eichstätt im Abendlicht über der traditionsreichen Bischofsstadt wacht.

Die Willibaldsburg im Abendlicht.

Strecken-Stenogramm

Länge: rund 68 Kilometer
Dauer: etwa 4,5 Stunden (ohne Pausen)
Informationen: https://www.naturpark-altmuehltal.de/https://www.naturpark-altmuehltal.de/radfahren/radwege/altmuehltal-radweg-166/

Einkehrtipp

Brauerei Gasthof Trompete

(mit guter regionaler Hausmannskost)

Fränkisches Abendessen in der „Trompete“ in Eichstätt.

 


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